Monday, 06 October 2008

Wladimir Bukowski in Berlin PDF Print E-mail
20/11/2005

Memento GuLAG 2005 
Ein Bericht von Marco_Polo:
Zeitgleich zur glücklicherweise missglückten Wahl von Stasi-IM Bisky zum Bundestagsvizepräsidenten wurde am 8.11.2005 das Gedenken an die Millionen Opfer des kommunistischen Terrors zum dritten Mal im Rahmen einer dezidierten Veranstaltung begangen, diesmal unter der Schirmherrschaft der Konrad-Adenauer-Stiftung und des Comitatus pro Libertatibus, einer internationalen Organization zur Wahrung der Menschenrechte und zur Erinnerung an die kommunistischen Greuel, der Prof. Dr. Bukowski auch leitend angehört.


Zu diesem 5-stündigen Symposium in der Berliner KAS-Akademie am Rande des Tiergartens waren viele hochkarätige Referenten geladen, u.a. der Direktor der Gedenkstätte Stasigefängnis Berlin-Hohenschönhausen Hubertus Knabe, der Direktor der Stiftung Topographie des Terrors, Dr. Andreas Nachama, die ehemalige lettische Aussenministerin Sandra Kalniete, selbst ein stalinsches Deportationsopfer, Prof. Dr. Maria Schmidt, Direktorin des Budapester "Hauses des Terrors" und Anna Schor-Tschudnowskaja, Mitglied der russischen Organisation Memorial. Der ehemalige sowjetische Dissident Wladimir Bukowski war jedoch schon der Ausstrahlung seiner Worte wegen das eigentliche Epizentrum der Veranstaltung und kein einziger Zuhörer des voll besetzten Auditoriums konnte sich der Eindrücklichkeit seiner aufrüttelnden Diktion entziehen.

In mehreren Referaten und Plenardiskussionen wurden verschiedene Aspekte der Aufarbeitung von unterschiedlichen Standpunkten aus beleuchtet: Kann man die Verbrechen des Nationalsozialismus mit denen der Kommunisten vergleichen? Warum spielt die Erfahrung der Opfer sowohl in der russischen, als auch in der deutschen Öffentlichkeit gesellschaftlich und politisch keine Rolle? Wie kann es sein, dass sich ostdeutsche Stadtverwaltungen, in denen meist die SED-PDS mitregiert, als nicht zuständig fühlen, die häufig beibehaltenen kommunistischen Strassennamen (Karl-Marx-Allee, Liebknecht-Strasse etc.) umzubenennen, sich aber nicht dagegen stemmen, die Mauerkreuze am Checkpoint Charlie entfernen zu lassen Was bedeutet es, dass in der EU NS-Symbole per Gesetz verboten werden sollen, jedoch nicht die Symbole der kommunistischen Tyrannei: Roter Stern, Hammer und Sichel?

Warum geschieht die Aufarbeitung der DDR-Verbrechen so schleppend und warum trifft man dabei auf so grosse, politisch-korrekte Widerstände in Politik und Medien? Warum wurde die SED 1990 nicht verboten? Warum hat man Honecker nicht den Prozess gemacht, sondern ihn ausreisen lassen? Wie kann es sein, dass ein Täter, wie Markus Wolf hoffiert wird und ohne Geldsorgen frei herumlaufen kann, während viele Opfer jahrzehntelanger Stasi-Folter um jeden Cent ihrer Opferrente mit einer störrischer Bürokratie kämpfen müssen? Was bedeutet eine 8%-Linkspartei für die Zukunft des vereinigten Deutschlands? Ist es richtig einen ehemaligen hohen SED-Funktionär heute in Berlin als Kultursenator für das institutionelle Gedenken an die Greuel der DDR verantwortlich zu wissen? Warum gilt es neuerdings als "schick", sich FDJ-Hemdchen zu kaufen und alles was mit dem Kommunismus/Sozialismus zu tun hat zu relativieren und kleinzureden?

In den Vorträgen selbst wurden unterschiedliche Themenschwerpunkte ausgeführt: Bukowski bezeichnete die vielen Medien-Vergleiche von Guantanamo mit dem GULAG als Zeichen der medialen Unwissenheit, der um sich greifenden Relativierung und als schändliche Beleidigung für die Opfer des GULAG. Im Vergleich zu GULAG sei GITMO ein Luxushotel. Er definierte das ganze System GULAG als bis heute politisch und ideologisch einzigartig in seiner Grausamkeit und in dem totalitären Mass, in dem es bis in die entferntesten Ecken der Gesellschaft wirksam wurde und die ganze Gesellschaft zu seinem Komplizen machte. GULAG sei nicht einfach ein Straflagerkonzept gewesen, es war eine regelrechte Art, das Land zu regieren. Dieses Ausmass an totalitärer Durchdringung hätten noch nicht mal die Nationalsozialisten erreicht.

Die Besten und Fähigsten aus jeder Schicht der Gesellschaft seien dem GULAG zum Opfer gefallen, es sei ein intellektueller Genozid von unvorstellbarem, multinationalem Ausmass gewesen, der die postkommunistischen Gesellschaften mit einem tiefen Trauma belaste, welches noch heute andauere und sie vor grosse Probleme stelle. Das hartnäckige Desinteresse der Linken, sich im Osten, wie im Westen der eigenen grauenvollen Komplizenschaft zu stellen, wertete er als einen erneuten Versuch der Geschichtsverdrängung und der Geschichtsfalschung. Bukowski führte weiterhin Thesen aus, die bis an die Schmerzgrenze des offiziell Ertragbaren gehen: Hitler als ein Produkt Stalins, die logistische und militärische Unterstützung (Post-Rapallo) der deutschen Wiederaufrüstung vor 1941 durch die UdSSR und Stalins Taktik, Hitler im Westen die Drecksarbeit in der Beseitungung der bürgerlichen Feinde machen zu lassen, bevor er selbst Hitler aus dem Weg räumen würde. Bukowski bezeichnete die Aufarbeitung der NS-Verbrechen in Westdeutschland mit den Nürnberger Prozessen - bei allen Schönheitsfehlern und skandalösen Inkonsequenzen - als entscheidend für einen einigermassen moralischen Neuanfang, der auch die gesamte gesellschaftliche und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der West-BRD mit befördert habe. Dass eine gleiche institutionalisierte Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit in Russland, wie auch im vereinigten Deutschland, bislang ausgeblieben ist, sei seiner Meinung nach entscheidend für das wirtschaftliche und gesellschaftliche Phlegma der östlichen deutschen Bundesländer verantwortlich. In dieser Hinsicht seien Länder wie Polen, die tschechische und die slowakische Republik, sowie auch Ungarn schon weiter.

Frau Kalniete betonte, dass im Gegensatz zu den Lagern der Faschichten das System des GULAG nicht Vergangenheit sei, sondern in Ländern wie China, Nordkorea, Kuba, Vietnam, Belarus und sogar in Russland längst wieder Realität sei. Der Schatten der Vergangenheit sei allgegenwärtig und der Kommunismus keinesfalls besiegt. In diesem Zusammnhang erwähnte sie auch Putins verlogene Jubelfeier zum Ende des WK II in Moskau und die bedeutenden Worte des US-Präsidenten G.W. Bush, der die Mitschuld des Westens und auch der USA, an den grausamen Folgen des Jalta-Vertrages für die Völker Osteuropas offen eingestand und daraus Kosequenzen für seine Politik erwachsen sieht, nicht mehr mit Tyrannen und Diktatoren politisch zu kungeln.

Herr Dr. Nachama meinte, dass so die Aufarbeitung und Reinigung der Gesellschaft von ihren DDR-Altlasten etwa genausolange dauern werde, wie die Aufarbeitung der NS-Zeit in der Bundesrepublik, nämlich etwa 25 Jahre, eine knappe Generation. Solange ehemalige Täter noch gesellschaftlich aktiv seien, werde einer energischen Aufarbeitung noch zuviel Widerstand getgegenstehen. Dies sei fatal, aber gesellschaftlich bedingt. Holocaust und GULAG sah er insofern als nicht vergleichbar an, als die Bewertung eines geschichtlichen Ereignises immer von der Perspektive des Betrachters abhängig sei. Die sei jedoch kein Grund zur Relativierung. "Ein Apfel und eine Birne sind voneinander verschieden, aber beide sind Obst und das alleine zählt" war eine von ihm gebrauchte Analogie, die in diesem Zusammenhang allgemeine Zustimmung fand. Das weite Feld des vorhandenen und vom kommunistischen Staat bewusst geförderten Antisemitismus im Kommunismus (Stichworte hier: Antikapitalismus & Heuschreckendebatte) und die Bedeutung für den GULAG konnte nur am Rande thematisiert werden.

Die bewunderswert engagiert auftretende Ungarin Maria Schmidt berichtete von den grossen Fortschritten in der Aufarbeitung der totalitären Vergangenheit Ungarns von der interessierten Unterstützung durch die dortige Bevölkerung. Da ungarische Faschisten, Nazis und die Kommunisten in Ungarn immer die gleichen Folterkeller und Gefängnisse benutzt hätten, sei es nur natürlich Faschismus und Kommunismus auf eine Stufe zu stellen und gemeinsam zu dokumentieren. Das "Haus des Terrors" befände sich mitten in Budapest an der zentralen Flaniermeile der Stadt und sei darum nicht zu übersehen. Sie beklagte sich bitter über denjenigen Teil der westlichen Presse, vor allem aus Deutschland und Frankreich, der früher die Kommunisten schöngeredet habe und heute massiv gegen die sehr wirkungsvolle Aufarbeitung des kommunistischen Terrors in Ungarn polemisiere. Eine solche Haltung sei ihr völlig unverständlich und mache sie sehr wütend. Ihre farbige Charakterisierung der Heuchelei gewendeter "Postkommunisten" und der Arroganz der 68ger-Generation von Politikern wie Schröder, Schily oder Fischer erntete den begeisterten Beifall des Auditoriums.

Der Direktor der Gedenkstätte Hohenschönhausen, Hubertus Knabe rief den Umstand ins Gedächtnis, dass der GULAG mit seinen 5 grossen Lagern auf ostdeutschem Boden (u.a. mit Bautzen, Sachsenhausen, Fünfeichen) auch direkt bis nach Berlin-Mitte reichte, bis in das Stasi-Gefängnis in der Prenzlauer Allee und das dezidierte KGB-Gefängnis in Potsdam (welches angeblich wegen ewiger Baufälligkeit bis heute geschlossen ist und nicht zur Gegenkstätte umgebaut werden könne). Er prangerte auch die schlechte schulische Vermittlung des wirklichen Gesichtes der DDR-Vergangenheit an und zeigte sich schockiert über den mangelnden Wissenstand gerade ostdeutscher Schüler von ihrer eigenen, jüngsten Vergangenheit. So hielten viele ostdeutsche Jugendliche Erich Honnecker in Umfragen heute groteskerweise oft für jemanden, der die deutsche Wiedervereinigung mitorganisiert habe und über Erich Mielke gebe es oft gar kein Wissen.

Anna Schor-Tschudnowskaja von der Petersburger Sektion der Organisation "Memorial" präsentierte das Projekt eines virtuellen GULAG-Museums im Internet. In Russland selbst gebe es noch gar keine Begriffskultur und Aufarbeitungsmodus für die Geschichte des GULAG und die damit verbundenen Orte. Das werde auch politisch in keinster Weise vom ehemaligen KGB-Oberst Putin oder der russischen Öffentlichkeit unterstützt. Lokale Museen in Russland wüssten oftmals gar nicht, dass sie grössere oder kleinere Teile der GuLAG-Geschichte mitabdecken oder aufbewahren würden, all das mache eine systematische Dokumentation sehr mühselig zumal man viele Orte und Gebäude des GULAG absichtlich verfallen lassen würde. Eine umfassende Dokumentation des GULAG sei somit auch ein Rennen gegen die Zeit.

Zum Abschluss des Symposiums machten noch drei Politiker dem Auditorium ihre Aufwartung. CDU-Aussenpolitiker Friedbert Pflüger und Parlamantspräsident Norbert Lammert kamen direkt aus der gescheiterten Bisky-Wahl und hielten im Vergleich zu Bukowski, Kalniete, Schmidt und Schor-Tschudnowskaja eher enttäuschende, typische Politiker-Reden, auch wenn ihr jeweiliges Engagement in der Diktion der Worte wohl auch ehrlich gemeint gewesen sein mag. Es waren beides brave, politisch-korrekte Reden, mit denen sie wohl niemandem wirklich wehtun wollten. Beide präsentierten überwiegend Offensichtliches in netter Form (aber nicht ohne die diesem Bundestagspräsidenten eigene rethorische Galantheit). Bukowski schwieg zu diesen Reden, und reagierte auch nicht, als er in Lammerts Rede als wichtiger Zeitzeuge würdigend erwähnt wurde. Seinem Gesicht konnte man entnehmen, dass er sich in Inhalt und Form wohl offenere und weniger konventionelle Redebeiträge gewünscht hätte.

Die abschliessende Rede des ital. Senatpräsidenten Prof. Dr. Marcello Pera thematisierte dann hauptsächlich die Verantwortung der Intellektuellen an den Greueln des Kommunismus auf beiden Seiten des eisernen Vorhangs und war in dieser Hinsicht von allen offiziellen Politikerreden des Symposiums thematisch wenigstens die interessanteste .
Damals wie heute sind die Opfer wieder an den Rand der Gesellschaft gedrängt und müssen sich oftmals von den gleichen, demokratisch-gewandelten Tätern der Vergangenheit wieder demütigen und beleidigen lassen. Für viele der noch lebenden Opfer sind solche Veranstaltungen oder auch Publikationen von Opferverbänden, wie "Der Stacheldraht", die einzigen Foren und Möglichkeiten der demütigenden alltäglichen Selbstzensur zu entgehen, offen davon zu berichten was ihnen und anderen wiederfahren musste, wie man das Leben unzähliger Menschen und ihrer Kinder und Familien grausam zerstört hat. Mehrmals kam es zu verächtlichem Raunen und scharfem Zischen im vorwiegend mit überlebenden GULAG-Häftligen oder/und deren Nachkommen oder Verwandten besetzten Auditorium, wenn Namen fielen, wie Wolfgang Thierse, Willy Brandt, Hans Modrow, Gregor Gysi, Manfred Stolpe und Egon Bahr.

Um die Gegenwart zu meistern müsse man auch die Vergangenheit offen betrachten, ertragen und annehmen können. Kein Gesetz der Welt könne Unrecht zu Recht erklären. Darum stehe man für den Rest seines Lebens in der Verantwortung, der grossen Lüge entgegenzutreten, um befreit in der Wahrheit zu leben.
Oder wie Bukowski es ausdrückte: "That is why we ask you to have a day of remembrance on each 7th of November. Light a candle and honor the numerous victims of the past and the present ones as well. Send your deep and comforting thoughts to those who suffered and who are still suffering unimaginable pain in dark places, where there is no sunlight and where hope seems to have been totally extinguished. On this day it is our duty to send hope to the hopeless, to testify that they are not forgotten, to remain solemn and silent and to speak: "Memento GULAG" - from the very bottom of our hearts".

Für mich persönlich war die Begegnung vor allem mit Bukowski, einem meiner ganz grossen Helden und Giganten (es sage niemand, wie lebten in einer Welt ohne Vorbilder!) ein absolut singulärer und bewegender Augenblick und ich werde sein Autogramm in meinem Exemplar von "Abrechnung mit Moskau" für immer in hohen Ehren halten.